Cumbria Way – In einem „Zug“ durch den Lake District

Aus der Nacht – in die Nacht

Ist es eigentlich besser, in die Dunkelheit hinein zu laufen oder aus ihr hinaus zu laufen? Eine wichtige Frage des Lebens, mag manch einer denken. Nein, eher nicht! Aber eine wichtige Frage des Trailrunner Daseins. Irgendwie ist beides doof und immer das besser, was gerade beim aktuellen Lauf nicht angesagt ist. Zumindest letzteres hat die unangenehme Nebenwirkung eines ziemlich frühen Aufstehens. Ehrlich gesagt, ich hasse frühes Aufstehen.
Die Distanz des Cumbria Ways bei gerade mal vier Verpflegungsstellen flößt mir ein wenig Respekt ein. Es ist eine kleine Herausforderung, weil die Distanzen zwischen den Verpflegungsstationen, die ich mir als Zwischenziel oft als Motivation setze, zu für sich fast alleinstehenden Läufen anwachsen.
Der Cumbria Way ist ein 120 Kilometer langer Wanderweg, der von Ulverston nach Carlisle durch Wälder, über Farmland und das englische Hochfjell führt. Der normale oder Genusswanderer teilt sich die Strecke auf 5 bis 6 Etappen/Tage auf. Kann man machen, muss man aber nicht – das geheime Motto der Ultraläufer. Diesmal geht es darum, das Ding in einem durchzulaufen. Der Weg ist dabei während des Rennens nicht explizit extra als Trail markiert, sondern folgt laut Veranstalter weitestgehend dem normalen Cumbria Way. Was auch immer „weitestgehend“ heißt? Die Antwort darauf fand ich später noch heraus.
Der Wecker reißt mich um 4.10 Uhr aus dem unruhigen Schlaf. Mental hält jeder Lauf eine weitere Facette bereit und überrascht mich immer erneut. Heute bin ich ziemlich relaxed, denke weder an die Distanz, die noch vor mir liegt, noch sonst irgendwas Spannendes. Es hat alles von einer „Ich geh noch ein Bier trinken“-Mentalität. Nur hat der Weg-Markierer zwischen mir und Bier noch 120 Kilometer gelegt.

Rennstart

Das Starterfeld, das sich im Ford Park in Ulverston in der Dunkelheit sammelt, ist übersichtlich. Es gibt eine kurze Ansprache der Rennleiterin und dann geht es auch schon los. Da es aufgrund von Umbauarbeiten in der Stadt einige Umleitungen gibt, läuft ein Führungsläufer vorneweg, der das Feld auf den Cumbria Weg führt. Ausgerüstet sind wir alle mit einem kleinen Heft, das den Weg in Fließtext beschreibt. Hätte ich das ständig durchgelesen und mich daran orientiert, wäre ich vermutlich heute noch nicht angekommen. Zum Glück habe ich vorgesorgt und die Route auf mein GPS Gerät gespeichert. Durch die Dunkelheit, geht es über Felder und Weiden bis die Landschaft vom Sonnenaufgang in goldenes Licht getaucht wird. Temperatur und Wetter sind fantastisch.
Wer die Navigation hier über Felder und kleine Wege, durch Gatter und über Hinterhöfe nicht gewohnt ist, ist meiner Einschätzung nach ohne solch ein technisches Hilfsmittel hoffnungslos verloren, insofern er wie gesagt nicht zur Gruppe der Genusswanderer mit genügend Zeit gehört oder über eine gnadenlos gute Orientierung verfügt. Die Beschreibung „folgt weitestgehend dem Trail“ ist dabei leicht irreführend, da man eben davon ausgeht, dass der Trail zu Genüge markiert sei. Ist für den einen eine TÜV-plakettengroße gelbe Markierung ausreichend, übersieht der andere so ein Ding aber schlichtweg.. Vor allem hat man sich auch nicht an jeder Abzweigung entschieden, den Weg deutlich zu markieren, sodass sich viele Kreuzungen als Ratespiel entpuppen. Scharf links, rechts oder vielleicht doch schräg den Hügel hinauf? Mein Navigerät läuft mittlerweile, wie ich selbst, die ganze Zeit mit. Die Einschränkung bei einem solchen Lauf ist, dass mir nicht der Sinn danach steht, mich bei dieser Distanz auch noch zu verlaufen. Zwei anderen Läufern geht es nicht anders. Sie hatten sich nicht auf die Satelliten verlassen, sondern auf ihr Gespür. Sie halten nun den Rekord für den frühesten Verlaufer in der Geschichte des Cumbria Ultras. Schon auf den ersten 5 Meilen verpassen sie eine Abzweigung und dürfen weitere 2 Zusatzmailen der Landschaft genießen.
Aber zurück zum Track. Der könnte übrigens auch Weg der 1.000 Schaf- und Kuhgatterverschlussmechanismen heißen. Keine Ahnung, wessen Einfallsreichtum hier keine Grenzen kannte, aber es war stellenweise brilliant. Es gab Ketten, Schieber, Drücker, Keile – es musste gezogen, gedrückt, geschoben oder in Verbindung daraus kombiniert werden, um das Tor zu öffnen. Mit zunehmender Laufdistanz manchmal gar nicht so einfach.

Erste Station Coniston

Auf den ersten 26 km bis nach Coniston stellten die Gatter allerdings noch keine intellektuelle Herausforderung dar. Die letzten Kilometer zur ersten Verpflegungsstation in Coniston laufen flach am gleichnamigen See vorbei. Hier entsteht ein erster Eindruck, warum das Gebiet Lake District heißt. Am Ufer sind einige noch gut belegte Campingplätze und die Leute gerade dabei, ihr Frühstück zuzubereiten. Ein verlockender Geruch zieht mir in die Nase. Ich ziehe weiter bis zur Verpflegungsstation und freue mich schon auf ein wenig Essen und eine kleine Pause. Irgendwie fällt diese aber doch kürzer aus, weil ich zu zappelig bin und kurze Zeit später bin ich wieder auf dem Track. Die Navigation wird wieder etwas einfacher und folgt nun ein paar eindeutigeren Wanderwegen.

Weiter nach Langdale

Die nächste Etappe geht ins Langdale, Richtung Fjell. Weitere 16 Kilometer liegen zwischen hier und dort. Zunächst verstaue ich meine Stirnlampe, die ich noch vom Morgen auf dem Kopf habe im Rucksack. Bisher war es mir wirklich zu lästig, diese 30 Sekunden Zeit zu investieren. Es geht zunächst leicht bergan durch Wälder, durch die parkähnlichen Landschaften von Elterwater, vorbei am historischen Weiler Chapel Stile bis ich den Pub Sticklebarn Tavern und so die nächste Verpflegungsstation im Langdale erreiche. Beim Anblick des alten, rustikalen Pubs hier in der Landschaft, hätte ich schon fast mehr Lust mir ein Pale Ale zu bestellen und mich in die Sonne zu setzen und das Rennen Rennen sein zu lassen. Aber der Ehrgeiz siegt dann doch wieder. Schnell stopfe ich mir ein paar Sandwiches und Chips hinein, schließe mit einer Hand voll Jelly Beans zur Nachspeise ab und stapfe langsam weiter. Alleine. Nachdem ich auf der kommenden Etappe noch eine Zweiergruppe überhole, sehe ich für die nächsten 8 Stunden keinen Läufer mehr. Es geht jetzt in die erste Fjellregion. Der Weg windet sich im Zick-Zack und über einen Höhenzug zum Stake Pass. Von hier oben hat man ins Tal von Rosthwaite einen malerischen Blick, der mich ein paar Minuten innehalten und genießen lässt. Immerhin laufe ich hier nicht um den Sieg, da kommt es auf ein paar Augenblicke nicht an.
In einem rasanten Downhill geht es runter ins Tal Richtung Rosthwaite und von dort über Derwent Water nach Keswick zur nächsten Verpflegungsstation.

Der Ruf der Verpflegungsstation

Etwas orientierungslos stapfe ich durch die kleine Stadt und höre plötzlich zwei Helferinnen rufen „Hier ist die Verpflegungsstation, hier!“.
Ich sacke auf einen Stuhl und atme erstmal tief durch. 80 Kilometer sind geschafft. Es gibt eine Schale Chili mit Reis. Gefolgt von Sandwiches, Chips und wieder Jelly Beans. Hervorragende Kombination. Als ich genug gegessen habe, geht es sprichwörtlich langsam wieder weiter. Meine Beine sind bereits mitgenommen und brauchen kurze Zeit wieder warm zu werden.
Von Keswick geht es wieder in die Berge in Richtung Skiddaw House. Die Sonne geht unter. Ich bin noch immer alleine und habe seit mehreren Stunden keinen Läufer mehr gesehen. Das Fjell ist vom Sonnenuntergang rot gefärbt. Noch ein paar Minuten, dann wird es finster sein. Meine Stirnlampe muss wieder her. Wieder diese lästigen 30 Sekunden. Manchmal kann die kleinste zusätzliche Bewegung  richtiggehend nervig werden. Über feuchte schlammige Wege geht es in die Dunkelheit. Je höher ich steige, desto nebeliger wird es. Im Lichtkegel der Stirnlampe sieht man nicht mehr allzu viel. Irgendwo weit vor mir blitzt ebenfalls eine Stirnlampe auf. Ein anderer Läufer? Lange sehe ich wieder nichts mehr. Irgendwann taucht dann vor mir das Skiddaw House auf und das Stirnlampenlicht verschwindet dort. Wahrscheinlich ein später Wanderer der dort übernachtet oder eine Halluzination.

Lichterkette zum Himmel

Es geht weiter Richtung High Pike. Die Strecke auf den Berg soll nachts mit roten Leuchtstäben markiert sein. Ich halte Ausschau. In meinen Gedanken, sehe ich am Horizont eine rote Lichterkette, die sich magisch gen Himmel windet. In Wirklichkeit bin ich dann irgendwann froh, dass ich den Einstieg mit dem fast verblassten Leuchtstäbchen überhaupt noch sehe. Der Weg hoch hat es in sich. Durch Schlamm, durch ein kleines Flüsschen und über steile, moorige Grasabsätze windet sich ein kaum sichtbarer Pfad steil nach oben. Zwischendurch wie gesagt, die kleinen roten Lichtfunzeln und noch kleinere Fähnchen, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob sie von einem letzten Eisbecher hier liegen geblieben sind oder tatsächlich zur Streckenmarkierung gehören. Da es hier weit und breit keinen Eiswagen gibt, entscheide ich mich für die zweite Interpretation. Oben am Pass werde ich von einem Streckenposten begrüßt, der es sich bereits in einer kleinen Hütte bequem gemacht hatte. Er stattet mich mit ein paar groben Orientierungsangaben aus und es geht weiter nach Caldbeck, was ich gut eine Stunde später erreiche. Hier halten sich 3 weitere Läufer auf, die noch im Rennen sind.

Laufen in guter Gesellschaft

Ich spiele mit dem Gedanken, mich denen für den nächsten Part nach Dalston, dem letzten Checkpoint anzuschließen. Alleine durch die feuchte Nacht zu laufen, kann manchmal im schmalen Schein der Stirnlampe wirklich sehr alleine sein. Als die drei wieder starten, habe ich noch die halbe Kartoffelsuppe vor mir. Alle drei lahmen bereits ein bisschen, sodass ich die Hoffnung habe, sie später noch einzuholen. Ein paar Minuten später bin ich ebenfalls durch und mache mich auf die Aufholjagd. Gut 2 Kilometer hinter Caldbeck sehe ich Lichter im Wald und hole die drei ein und passe mich deren Tempo an. Die nächsten knapp 16 Kilometer laufen wir gemeinsam. Nicht nur die Gesellschaft ist trotz fast durchgehenden Schweigens aufmunternd, auch der Umstand, dass die drei den Weg kennen und die Navigation übernehmen. Die ist nämlich durch das Farmland von Eden Valley auch nicht ganz so einfach. Hier durch das Tor rechts, da links über die Brücke, hinterm Hügel wieder rechts…
In Dalston am letzten Checkpoint gibt es Marshmallowspieße mit frischen Erdbeeren. Ich ziehe mir schnell die letzten zwei rein und mache mich ohne die drei auf die finalen langweiligen 7 Kilometer entlang eines Radwegs zum Schloss nach Carlisle, dem Zielbogen.

Kann man nach 115 Kilometern noch von Endspurt sprechen?

Kurz vor Ende kommt mir noch ein bulliger Mann mit Kampfhund entgegen. Ich nutze die Gelegenheit um kurz nach dem Weg zu fragen. Zu spät bemerke ich, dass der Typ ein paar Bierchen zu viel hatte und irgendwie in Plauderlaune kommt. Woher ich käme? Was? Den ganzen Cumbriaweg zu Fuß? Blablabla…. ich will nicht allzu unhöflich sein, der Typ machte nicht den Eindruck als sollte man unhöflich sein und versuche mich mit einen „Okay, thanks“ ständig loszueisen. Ihm fällt immer wieder eine neue Frage ein. Am Ende laufe ich dann einfach los. Ich sehe bereits wenig später das Licht des Schlosses und den heiß ersehnten Zielbogen. Eine kurze Straßenüberquerung, dann ist es erledigt. 120 abwechslungsreiche Kilometer Cumbria Weg liegen hinter mir. Und hier am Ende bekomme ich auch noch mein Bier in die Hand gedrückt. Typisch Englisch mit Alkohol. Meine eher spaßig gemeinte Frage „Where exactly can I collapse now?“ wird normal aufgenommen. „Ja, warte, ich zeige dir gleich, wo der Bettensaal ist.“ Das Bier stelle ich mir lieber für morgen zur Seite. Das war eine hart erarbeitete Flasche. Nach einer kurzen Dusche nehme ich die letzte große Herausforderung des neuen Tages an. Ich habe einen Schlafplatz in der ersten Etage eines Stockbettes. Oben angekommen „kollabiere“ ich und döse den Rest der Nacht vor mich hin und zähle die Schafe des Tages nach.

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