Die Brückenkinder von Mae Sai

– Projektstichwort: „Goldenes Dreieck“

Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Mit zwei Motorrollern sind wir auf dem 70 Kilometer langen Weg von Chiang Rai nach Mae Sai um ein Kinderhilfsprojekt zu besuchen. Beim Zwischenstopp an einer Tankstelle klingelt das Handy unseres Begleiters. Von einem befreundeten Priester erfährt er in diesem Moment Neuigkeiten über ein Mädchen, welches für gerade mal 45 US$ vom Vater an eine Schlepperbande verkauft wurde. Wir erfahren „live“ das Unfassbare.

IKinderinMaeSain der nordthailändischen Region, im „Goldenen Dreieck“ begegnet man vielen Fällen von akut hilfsbedürftigen Kindern, die nur unzureichende Unterstützung erfahren. Es handelt sich meist um sexuell missbrauchte Kinder, natürlich ein weltweites Problem, aber gerade hier in Thailand ein so offensichtliches Thema von enormem Ausmaß. Die körperlichen und seelischen Schäden an diesen Kindern jeder Altersstufe sind auf Grund des oftmals massiven Missbrauchs meist verheerend.

Brennpunkt  „Goldenes Dreieck“

Warum aber ist gerade die Region im „Goldenen Dreieck“ besonders stark betroffen? Die Probleme sind vielschichtig, weder schnell aufgezählt, geschweige denn einfach gelöst. Es gibt nicht DIE eine Methode zur Lösung und es kann auch leider nicht durch EINE einzige Organisation gelöst werden. Aus unserer Sicht wird nur ein Zusammenspiel von vielen Maßnahmen langfristig Erfolge bringen, die von den kleineren, lokal operierenden NGO´s (Non Government Organisation) gestemmt werden.

HausDurch meist langjährige, spezifische Erfahrung vor Ort haben NGO´s aus unserer Sicht in der Regel gute Strukturen und Netzwerke aufgebaut. Da der Staat keinen Einfluss auf die Gruppen hat und daher auch keine staatliche Interessen vertreten werden, ist die Akzeptanz in die Arbeit bei der Bevölkerung recht groß. Weil die Mitarbeiter in NGO´s meist einfach „näher“ an der Situation dran sind, wird ein viel intensiveres Vertrauensverhältnis geschaffen. Auch wenn aufgrund einer fehlenden Verwaltung und globalerer Erkenntnisse vielleicht die Nachhaltigkeit und zukunftsträchtigkeit der Arbeit nicht immer 100% gewährleistet ist, bieten diesen Organisationen einen wichtigen Mehrwert. Denn sie leisten das, was die Menschen in den Situationen, in denen sie sich befinden am dringendsten benötigen – „Erste Hilfe“ im übertragenen Sinn.

Volunteer mit Kindern

Die zahlreichen, unterschiedlichen ethnischen Gruppen der Großregion haben schon lange vor den heutigen Grenzbildungen in den Bergen gesiedelt. Die heute geformten Grenzen nehmen keine Rücksicht auf die Belange der ethnischen Minderheiten, die verteilt in den Bergdörfern nicht die Zugehörigkeit zu Myanmar, Laos oder Thailand gewählt haben und auch die jeweilige Landessprache nicht unbedingt beherrschen.

Ein Grund, warum diesen Menschen und so auch den Kindern nicht die nötige Akzeptanz aus der normalen Bevölkerung entgegentritt. Sie fühlen sich selbst staatenlos und werden auch genau so behandelt. Von den Ländern in denen sie heute leben, werden sie allenfalls geduldet, aber selten als vollwertige Mitglieder angesehen. Die Minderheitenvölker haben keine nennenswerte Lobby.

Ebenso herrschte in Nord-Burma viele Jahre Bürgerkrieg, der viele Familien zur Flucht ins besser situierte Thailand trieb. Das Grenzgebiet gilt daher schon lange als sozialer Brennpunkt, weil unterschiedlichste Kulturen in diesem „Bottleneck“ zusammentreffen.

Eine Brücke verbindet die Grenzen

Freundschtsbrücke2Die Kinder gelangen ohne Schwierigkeiten über die Freundschaftsbrücke nach Thailand. Ihr Aufenthalt dort ist praktisch natürlich illegal. Sie erhalten keinerlei Schutz und Rechte, was sie sehr verwundbar macht. Die Kinder sprechen kein Thai und sind auf sich allein gestellt. Sie leben auf der Straße, unter der Brücke des Grenzflusses, im Wald oder auf einer Müllhalde.

 

FreundschaftsbrückeDie vordringende moderne Zivilisation mit ihren Verlockungen, führt weiter zum Verlust traditioneller Lebensweisen der Bergvölker, was sie noch weiter entwurzelt.

Die Menschen nehmen Abschied von ihren Bräuchen, die auf Grundlagen ihres Glaubens an die spirituelle Welt und den jährlichen landwirtschaftlichen Zyklen basieren, haben aber keine entsprechenden Alternativen.

Der Kontakt zu einer kommerzialisierten, nicht bekannten Kultur hat viele Veränderungen mit sich gebracht. Heute kann man festhalten, dass unterschiedliche Stämme sich mit unterschiedlichem Erfolg angepasst haben. Die Karen haben sich über viele Jahrzehnte gut integriert und viele sind jetzt praktisch Thais. Die Hmong, Lisu und Yao, haben sich durch das Handeltreiben besser angepasst, weil sie dadurch traditionell schon Kontakte zu anderen Kulturen hatten, ohne dabei ihre alten Traditionen und Bräuche abzustoßen. Die Akha und die Lahu haben heutzutage die größten Schwierigkeiten.

In vielen Fällen werden Bedürfnisse geweckt, die meist gar nicht oder nur unzureichend befriedigt werden können. Man sieht und erlebt eine fortschreitende, technisierte Welt, weiß aber gleichzeitig, dass man alle diese Dinge nicht besitzen geschweige erwerben kann. Hier handelt es sich natürlich um ein weltweit zu beobachtendes Problem, überall dort, wo eine westlich orientierte, materielle Lebensweise auf Menschen trifft, die finanziell und kulturell in anderen Gefügen leben.

Ob Gegenstände, wie ein Fernseher oder Motorrad tatsächlich gerade benötigt werden und aktuelle Lebensumstände verbessern, interessiert dabei nicht vorrangig. Die Menschen bleiben mit Sehnsüchten nach materiellen Gütern und manchmal der Einsicht sie gehören einer vermeintlich rückständigen, „schlechteren“ Kultur an, auf der Strecke. Allein die Gewissheit, diese mutmaßlich benötigten Dinge nicht direkt erwerben zu können, bringt Spannungen. Niemand leistet Aufklärung und vermittelt zwischen Bedarf und Bedürfnissen.

Drogenmissbrauch als Ausweg

Ohne die nötige Aufklärung im Zusammenhang mit den bereits erwähnten kulturellen Identitätsproblemen und verbunden mit enormer Armut, bei der es ums tägliche Überleben geht, nehmen Jugendliche wie Eltern Drogen um ihr Leid zu ertragen.

Kartenspielen2Klebstoffschnüffeln, der billigste Kick, aber auch Konsum und Beschaffung noch härterer Rauschmittel prägen das tägliche Bild. Konsum von Opiumpfeifen war ursprünglich nur den Älteren eines Stammes zu rituellen Zwecken vorbehalten. Auch wenn der Opiumanbau mittlerweile zumindest in Thailand offiziell verboten ist, wird dieser Brauch in einigen Bergdörfern noch immer gepflegt. Denn niemand kann wirklich kontrollieren, was im Hinterland angebaut wird.

Der ehemals kontrollierte Konsum hat sich nun zu einem unüberschaubaren Drogenmissbrauch und den damit einhergehenden Schwierigkeiten in allen Altersschichten ausgebaut.

Für die skrupellosen Schlepper ist die Region hier im Norden Thailands somit ein gefundenes Fressen. Mit der Aussicht auf ein besseres Leben gelockt, erliegen Familien und Jugendliche den Anreizen. Die Jüngsten werden von ihren Eltern verkauft oder folgen ihren angeblichen Erlösern in ein Leben aus Prostitution und Zwangsarbeit. Alter spielt keine wirkliche Rolle.

Mae Sai ist Hauptknotenpunkt für kriminelle Machenschaften wie Handel mit Kindern, Prostitution, Zwangsadoption, Drogen- und Organhandel und die gezielte Ausnutzung von Kindern, die zum Betteln oder Drogenschmuggel gezwungen werden, um das Überleben und den nächsten Rausch der Familie zu finanzieren.

Handschellen inklusive

Die Realität trifft uns erneut wie ein Schlag als einer der Leiter der Hilfsorganisationen erzählt: „Wenn du Kartenspielenhier im Hotel bist und die richtigen Leute ansprichst, kannst du deine Wünsche äußern und die Ware wird dir direkt aufs Zimmer geliefert. Bei Bedarf gleich mit Handschellen, damit die Opfer nicht fliehen können, wenn man zwischendurch auch mal essen oder einkaufen möchte.“ So die Originalworte. „Und das alles findet abends unweit von hier statt, wo wir tagsüber mit den Kindern spielen und ihnen Essen geben.“

Die Kinder werden mit der Anschauung von Pornos auf die Ausbeutung vorbereitet. Das sich sechsjährige bereits in der Prostitution befinden, ist keine Ausnahme.

An vorderer Front nehmen asiatische Männer diese Dienste in Anspruch. Chinesen, Japaner und Koreaner führen die traurige Rangliste an, gefolgt von Europäern.

Sextourismus ist ein enormer ökonomischer Faktor im Land des Lächelns. Politiker und Polizei sind meist darin verwickelt und drücken für Schmiergelder und der Angst vor Imageverlust das sprichwörtliche Auge zu.“

„Kampf“ an mehreren Fronten

Langfristig versucht man den Menschenhandel durch drei Schritte zu bekämpfen: Vorbeugen, Verfolgung und Schutz. Ein wichtiger Schritt ist Aufklärung. Es gilt, nicht nur Menschen in aller Welt auf die Problematiken aufmerksam zu machen, auch die einheimische Bevölkerung muss gezielt aufgeklärt werden.

Strafverfolgung ist ein weiterer nachhaltiger Bestandteil. Nachdem Kinder aus Rotlichtbereichen und Zwangsarbeit befreit wurden, müssen die Verantwortlichen ohne Kompromisse an weiteren Straftaten gehindert werden. Problematisch ist hier leider die Korruption, die dazu beiträgt, dass die Anklage, Verfolgung und Bestrafung der Täter letztlich erlahmt.

Den betroffenen Kindern muss Schutz gewährleistet werden. Sie müssen Zugang zu einer sicheren Unterkunft, Betreuung, Essen, Kleidung und Bildung mit nachhaltigen Projekten für eine Aussicht auf eine lebenswerte Zukunft haben.

EingangsschildEines dieser Projekte ist ein Kinderheim in der Mae Sai Region. Wir besuchen Abraham den thailändischen Gründer des Heims. Abraham startete 1999 das Projekt während er Daten über bettelnde Kinder in Chiang Rai sammelte und daran anknüpfend Projekte mit diesen Kindern begann. Bei Ausflügen ins nahe liegende Mae Sai stieß er auf ähnliche Probleme und entschloss sich den Schwerpunkt seiner Tätigkeiten dort anzusiedeln. Heute leben ca. 140 Kinder in dem privaten Heim, was eigentlich nur für 80 Kinder konzipiert ist. Sie leben in einer Gemeinschaft, wo jedem Kind die oben genannten Grundbedürfnisse zugesichert werden. Den Kindern wird mit Trost, Liebe, Geborgenheit und Schutz begegnet, ungeachtet ihrer sozialen und ethnischen Herkunft. Gefühle, die sie bisher nie oder kaum erfahren haben. Das Personal setzt sich aus einheimischen Betreuern und gelegentlichen freiwilligen Helfern aus Europa oder den USA zusammen.

FördererDie Kinder werden angehalten, ihren Weg in Eigenverantwortlichkeit unter moralischen Aspekten zu gehen, um aktive, kriminelle Aktivitäten und die passive Gefahr von Ausbeutung zu unterbinden. Das Gemeinschaftsgefühl wird gestärkt und mit Bildungseinrichtungen, landwirtschaftlichen Projekten und Konzepten, die traditionelle Handwerkskunst einbinden, versucht man Alternativen für die Zukunft zu bieten.

Viele der Kinder wachsen mit einem verschobenen Werteverhältnis auf, wenn grobe Gewalt, Verletzungen und Abartigkeiten ihr tägliches Leben bestimmen. Es braucht eine angemessene Zeit und Betreuung, um diesen Kindern wieder Vertrauen zu vermitteln.

Zu wenig Platz für alle Kinder

Das Kinderheim platzt aus allen Nähten und neue Fälle könnten theoretisch nicht mehr angenommen werden. „Aber wie soll ich hier einem Kind absagen, was vor der Tür steht?“ fragt Abraham. „Es ist dringend weitere Unterstützung von außen notwendig, damit wir die Kapazitäten erweitern können, die Kinder von der Straße holen und unsere Mitarbeiter besser schulen können.“

Neben Kontakten zur deutschen Organisation „Kindernothilfe“ werden aktuelle Unterstützungen leider fast ausschließlich von lokalen Förderern bereitgestellt.

Auch wenn es in Deutschland viele Probleme gibt, muss man verstehen, dass viele Kinder hier täglich um ihr Leben fürchten müssen und unter nicht vergleichbaren Umständen leben. Zusätzlich lassen sich mit verhältnismäßig geringen Beträgen in Thailand verhältnismäßig große Schritte machen. Die Gelder werden nicht durch einen überdimensionalen Verwaltungsapparat entwertet, sondern landen direkt an der richtigen Stelle.

„Hier geht es schlicht darum missbrauchten Kindern wieder eine Lebensperspektive zu ermöglichen“, lauten die Schlussworte von Abraham und denen können wir uns nur anschließen.

Kinder beim Brettspiel


 


 

Sicherlich gibt es unzählige Möglichkeiten sich einzusetzen oder zu spenden. Und die ganze Welt können wir ohnehin nicht retten. Wen wir allerdings für dieses Projekt begeistern konnten, kann uns gerne eine Nachricht für weitere Kontaktinfos zukommen lassen. Leider hat diese kleine Organisation mangels Personal und entsprechender Kenntnisse bisher keine vernünftige Internetstruktur aufgebaut.

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