Berge machen glücklich – lange Distanzen auch

und je länger, desto glücklicher

N72_5055 Meine Frau und ich sind große Fans von Ultraläufen. Sie mag besonders die Starts und die Zieleinläufe (anschauen) und ich kümmere mich um die Distanzen dazwischen.

Dieses Jahr entschied ich mich zur Abwechslung mal für einen relativ frühen Start in die Ultralauf-Saison. Die Wahl fiel auf den Hochkönigman im durchaus netten Maria Alm in Österreich Anfang Juni. Übrigens ein Ort, den wir ohne den Lauf wahrscheinlich niemals besucht hätten und was schade gewesen wäre.

Und da steh ich dann Freitag abends am Start, den meine Frau so sehr mag. Es ist 0.00 Uhr nachts. Ich habe die Stirnlampe auf dem Kopf, leise Musik dröhnt aus den Boxen. Ich warte mit gut 100 anderen Läufern auf den Startschuss. 85 Kilometer und knapp 5.000 Höhenmeter liegen zwischen hier und hier. Jetzt ist der Zeitpunkt, an dem der Lauf noch am längsten ist. Dieses Gefühl ist ein wenig bedrückend. Und auch wenn eigentlich kein Anlass dazu besteht, ich laufe hier nicht um den Sieg, liegt nicht nur aufgrund dieser Erkenntnis eine gewisse Spannung in der Luft. Natürlich steh ich freiwillig hier und trotzdem frage ich mich, ob auch andere Mitläufer kurzzeitig von dem reizvollen Gedanken übermannt werden, Hochkönigman (5)wieder aus der Absperrung herauszutreten und doch zurück zum Hotel zu fahren, um im gemütlichen Bett einzuschlafen, anstatt die ganze Nacht und den kommenden Tag durchzulaufen. Kopfkino vom Feinsten. Kann jetzt mal endlich einer in die Luft schießen?

Zum Glück reißt mich der bereits unterbewusst erwartete Knall aus den Gedanken und die Verlockung nach einem Bett, der ich gerade noch fast erlegen wäre, verflüchtigt sich mit jedem Schritt bergan in die Dunkelheit mehr und mehr. Ich brauch kein Bett – ich brauche Höhenmeter.

Der Weg folgt dabei zu großen Teilen dem Königsweg Weitwanderweg, der in Maria Alm startet und in einem großen Radius über die Höhenwege das Tal umrundet. Und das ist ja das Tolle an diesen Läufen, dass man sozusagen im Schnelldurchgang einen Großteil der Region erleben kann. Das finde ich gut, auch wenn es manchmal in Anstrengung ausartet und die Hälfte oftmals gar nicht sieht, weil nachts, da ist es auch bei Ultraläufen dunkel.

Erste Gipfelerfolge in der ersten Stunde

Über drei Gipfelchen geht es zur ersten Verpflegungsstation in Hintherthal. Das Feld ist bereits hier schon so auseinandergezogen, dass ich im weiteren Verlauf irgendwo vermutlich  im Mittelfeld fast alleine durch die Nacht stolpere. Nach ein paar trockenen Brezeln, die ich mit Isogetränk runterspüle, geht es, wer hätte es gedacht, mal wieder bergan richtung Pichlalm und Erichhütte.MariaAlm-5

Am Vortag sind wir schon ein wenig zwischen dieser Hütte und dem Arthurhaus gewandert und konnten die Ausblicke genießen, die mir nun in der Nacht verwehrt bleiben. Allerdings gab es da auch eine fette Käseplatte, auf die ich nun auch spontan Lust verspüre. Aber die Almbesitzer schlafen scheinbar noch, liegen in ihrem gemütliche Bett…naja lassen wir das.

Am Arthurhaus, 30 Kilometer und 5 Stunden später, beginnt es bereits zu dämmern. Hier an der Verpflegungstation nehme ich mein Frühstück zu mir. Käse, Brezeln, Obst und Isogetränk.

Es ist nebelig beim Anstieg auf den Hochkeil. Danach folgt der erste nennenswerte Downhill. Das ist der Punkt der nüchternen Erkenntnis, dass sich alles, was ich mühsam erstiegen bin, nun in einer kinetischen Energieblase ins Nichts verflüchtigt und im Tal endet.

Runter kommen Sie alle – wieder hoch nicht jeder

MariaAlm-6Und solange da nicht der Zielbogen steht, weiß ich auch, dass es gleich wieder hoch geht. Mindestens auf das Niveau, wo ich gerade herkam. Das ist die Ironie des Ultralaufens in den Bergen. Zunächst darf ich mich aber noch in Mühlbach verpflegen. 5 Minuten setze ich mich auf die Bank und schüttel ordentlich die Beine aus, bevor es gut 1.000 gefühlt verflucht steile Höhenmeter zum Schneeberg hochgeht. Auch hier gibt es eine kurze Gipfelpause, bevor es wieder runter nach Dienten geht. Dort liegt mein Drop-Bag und ich freue mich schon auf mein neues paar Wechselschuhe und ein paar frische Socken. Vielleicht ist es Einbildung, aber danach läuft es sich wieder frischer. 55 Kilometer sind hier bereits geschafft. In Dienten bleibe ich gut 15 Minuten, hydriere mich anständig, esse ein wenig mehr und nehme die Energie des Placebo Effekts der neuen Schuhe mit in den von höchster Motivation getragenen weiteren Laufstart. Vielleicht darf ich erwähnen, dass es ab hier wieder bergan geht. Wie sonst soll man auch auf knapp 5.000 Höhenmeter kommen? Das schöne aber ist, zunächst geht es in zwar endlosen Serpentinen hoch, diese aber haben eine sehr angenehme Steigung.

MariaAlm-21

Mental motiviere ich mich mit der Erkenntnis „Wenn du auf dem Hochkasern stehst, hast du es praktisch geschafft“. Ich hätte vorher noch mal auf das Höhenprofil schauen sollen. Vom Hochkasern erblicke ich in der Ferne, ein paar weitere An- und Abstiege liegen dazwischen, ein Haus und befürchte, das könnte die vorletzte Verpflegungsstation sein. Aber so richtig wahrhaben will ich nicht, was noch zwischen hier und dort liegt. Aber wie das mal so ist, mit weiterem Wegverlauf und einem Blick auf die Schilder wird es klarer.

Statzer Haus in Sicht

Das Ding ist tatsächlich das Statzer Haus und da muss ich hin. Wieder sitze ich dem Irrtum auf, dass es das dann aber wirklich gewesen sein müsste. Ich habe meine Rechnung ohne die Schwalbenwand gemacht. Ein weiteres auf und ab mit zwar nicht super langen, dafür aber umso giftigeren Anstiegen. Ich kann nicht anders und fange an zu fluchen. Ich glaube mittlerweile nicht mehr, dass dieser Lauf nur knapp 5.000 Meter hat und gehe von mindestens gefühlten 8.000 Metern oder noch mehr aus. Überhaupt geht es hier mehr bergauf als bergab, selbst wenn Start und Ziel das gleiche sind, habe ich meine Zweifel. Es hört nicht mehr auf. Ist das noch der richtige Weg? Ich hole mein GPS raus und versichere mich kurz. Es ist der richtige Weg. Also weiter bergan. Das muss gleich ein Ende haben. Und alles was einen Anfang hat, hat dann auch ein Ende. Allein für diese philosophische Erkenntis haben sich die letzten 16 Stunden gelohnt. Sie wäre mir wahrscheinlcih sonst auf Lebzeiten verborgen geblieben. Die Kurve hat den Scheitelpunkt erreicht und es geht runter. Der letzte Downhill, knapp über 1.000 Meter.

Neue Energie dank Zielvisionen

Hochkönigman (6)Ich merke, wie meine Beine plötzlich noch einmal unerwartet Fahrt aufnehmen. Ich bin kein besonders guter Downhillläufer, aber die Art der Steigung liegt mir irgendwie. Ein letzter kurzer Stop an der letzten Verpflegungsstation, gut 7,5 Kilometer zurück nach Maria Alm und dann ist es auch schon geschafft. Noch kurz vorbei an den Cafes des Dorfes und den Applaus spendenen Zuschauern und nach 85 Kilometern erlöst mich der Torbogen des Zieleinlaufs und die Anstrengung fällt von mir ab, wie ein fauler Apfel vom Baum. Und genau so fühle ich mich jetzt. Nach der obligatorischen Medaille geht es in den Liegestuhl mit Bier (natürlich alkoholfrei) und Red Bull. Meine Frau erwartet mich bereits, schießt das Zieleinlaufsfoto und ist ab diesem Zeitpunkt das Supportteam für vier Dinge. 100 unmöglich bezwingbare weitere Meter gehen, um den Drop-Bag abzuholen, Auto holen, Pizza holen, mich endlich ins Bett fahren.

Hochkönigman (7)Im Liegestuhl ziehe ich mein Fazit: Cooler Lauf, ein guter Mix aus anspruchsvollen Trails und besser laufbaren Forstwegen, ein übersichtliches Starterfeld, schöne Gastgeberregion, ein Organisator der weiß, was er da tut und von einem top Team unterstützt wird.

Wäre ich der Typ, der den gleichen Lauf zweimal macht, der Hochkönigman wäre ein guter Kandidat für den Doppelstart.

 

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