Oman mit Höhen und Tiefen

„Verwirrend“ ist das Erste, was uns durch den Kopf geht, als wir unsere Bahnen um Muskat ziehen. Eine schier endlose Zahl massiver Highways laufen entlang der Vor- und Vorvorbezirke der Stadt. Eigentlich wollen wir doch nur in einen Supermarkt, aber der Weg dorthin macht uns fertig.

Unser Flieger ist vor einigen Stunden gelandet und wir konnten bereits unseren „dritten Mann“ für die nächsten elf Tage in Empfang nehmen. Einen fast neuen, schneeweißen Mitsubishi Outlander SUV. Wir wussten, dass uns ein Allradfahrzeug erwarten würde, aber das so etwas Schickes uns nun begleiten würde, brachte unsere Augen zum leuchten. Den ersten Supermarkt steuerten wir fast fehlerfrei an – fünf Kilometer in direkter Linie zum Flughafen. Einmal gedreht, andere Richtung bis wir das erste Hotel sichten konnten, dessen Fassade uns glauben ließ, es würde in unser Budget passen – ebenfalls fehlerfrei. Doch dann wollen wir abends nur „mal eben“ zum Supermarkt auf die andere Seite des Highways um noch eine Lücke auf unserer Einkaufsliste zu füllen- großer Fehler. Aus den 500 Meter Luftlinie wurden über 20km Straßenlinie, denn in Muskat kann man nicht einfach abbiegen. Jede Abfahrt führt auf einen weiteren Highway und dann einen weiteren und noch einen. U-Turn-Möglichkeiten erwarten dich gefühlt nur alle 30 Kilometer. Und schon landet Omans Verkehrsführung auf Platz 1 der dämlichsten Straßenbauerrungenschaften der Welt. Zumindest der uns bislang bekannten Welt.

Am nächsten Tag brechen wir auf, unseren „Al Burj“ (der Mitsubishi) vollgeladen mit Lebensmitteln, Kocher, Zelt und unseren paar Klamotten. Unser erstes Ziel ist Nizwa und wir finden eigentlich fast zufällig das berühmte Fort mit dem davor liegenden Souq (Markt). Leider erwartet uns ein „Fort geschlossen“ Schild an den Toren, aber der Markt mit seinen unterschiedlichen thematischen Gebäuden von Datteln bis Töpferhandwerk, dazu ein kleines einfaches Café mit Lemon-Minze Limonade, stimmt uns versöhnlich und nach ein paar Runden geht es für uns weiter nach Jabrin. Dieses Mal haben wir Glück mit dem Fort und da sich die Touristenströme im Oman noch in Grenzen halten, haben wir die alten Mauern fast für uns alleine. Das Fort ist so hübsch und fotogen, dass wir uns nicht eine Sekunde die verpasste Chance in Nizwa ärgern.

Ab in die Höhen

Doch leider geht es mit unserem Glück auch wieder etwas bergab als wir einen Abend und einen Morgen verzweifelt versuchen die Bienenkorb Gräber bei Al Ayn zu finden. Doch weder unsere Karte noch die beiden Reiseführer sind uns bei dieser Mission eine große Hilfe und so verbuchen wir die Aktion unter Shit happens und steuern die Jebel Sham Region an. 8Sowohl Misfah, eine kleine Bergdorfoase mit einem ausgetüftelten Bewässerungssystem und Massen an Dattelpalmen, als auch die Gegend um den Grand Canyon Omans auf 2000 Meter Höhe begeistern uns ausnahmslos. Wir verlängern mit Freude um einen weiteren Tag und machen uns auf eine kleine Trekkingroute zu einem verlassenen Dorf, das ein gutes Stück unter dem Rand der Schlucht in die Felswand gebaut wurde. Hier musste man sich wirklich gut mit seinen Nachbarn verstehen, denn drumherum gibt es einfach mal gar nichts. Und die teilweise knapp 1000 Meter bis zum Grund des Canyon, könnten bei Auseinandersetzung verlockend gewirkt haben. Wir verleben einen hervorragenden Tag in der Einsamkeit und die Stille wird nur dann und wann von ein paar meckernden Ziegen unterbrochen.

Wenn man versucht zwischenzeitlich den berühmten „Off the beaten track“ Teil in seine Reise einzubinden, gibt es zwei Ausgänge: Mal gewinnst du – Mal verlierst du. Wir haben hier schon oft Glück gehabt, nicht so im Oman. Durch einen Bericht in der Zeitung im Flugzeug drehen wir den Kompass nach Süden. Duqm soll eine touristische Attraktion sein mit einem Garten voll von erodierten Steinen in den obskursten Formationen. Den gleichen Artikel hatte wohl auch der Lonely Planet Autor gelesen und hierzu einen fantasievollen Abschnitt im Reiseführer zusammen gebastelt. Wir hingegen packen uns noch ein paar Zwischenziele Drumherum, dessen Ursprünge die gleiche Quelle haben und heraus kommen drei völlig enttäuschende Tage.

Der Tiefpunkt

Ein nicht auffindbares Wadi, ein altes Fischerdorf, das nur aus ein paar Booten am Strand besteht, und angeblich süße, kleine Buchten, die sich als langer vermüllter Strand entpuppen schmücken unsere Tour. Doch die Krönung des ganzen bildet Duqm selber. Die einzige Wahrheit, die wir entdecken können sind die beiden Luxushotels, die über einige Kilometer über den neuen sechsspurigen Highway von der Hauptachse aus erreichbar sind. Eines der Hotels wird uns bereits 400 Kilometer zuvor auf Schildern angekündigt. Doch in der kompletten „Tourist Area“ von Duqm treffen wir keinen einzigen Menschen an. Die Hotels wirken, als wären sie noch nicht eröffnet und drumherum erstreckt sich eine Baustelle in Größe einer deutschen Kleinstadt. Der berühmte Steingarten wird zwar am Zubringer ausgeschildert, jedoch ist hier die Straße versperrt. Da der „Abstecher“ hierher bereits zwei Tage in Anspruch genommen hat, lassen wir uns nicht so leicht abschrecken und fragen uns bei den einzigen Menschen in der Gegend durch, den Bauarbeitern. 24Omanis sind unglaublich nette und hilfsbereite Menschen und nach über einer Stunde unterwegs auf unbefestigten Baustellenstraßen, immer den Gedanken im Hinterkopf, dass wir hier gleich verscheucht werden, finden wir Mitten im Nichts einen Parkplatz und den „Rock Garden“. An der Stelle ist es fast überflüssig zu erwähnen, dass wir die einzigen Menschen sind, die bei über 40 Grad die wirklich netten Felsformationen bestaunen. Neben diesen paar Stunden ist das Einzige, was uns in dieser Gegend Milde stimmt, ein abgelegener Strand an dem wir unter einem gigantischen Sternenhimmel unser Zelt aufschlagen.

Wieder aufwärts

Nach den drei Tagen kehren wir wieder auf die Haupttouristenroute zurück und so langsam treffen wir hier sogar auch wirklich andere Touristen. Am meisten schockierten uns die rund 150 Besucher bei den nächtlichen Führungen im Schildkrötenreservat von Ras al Jinz. Nachdem hier die erste Stunde fast gegen alle Regeln des Schildkrötenbeobachtens verstoßen wird, führt uns unser zum Glück regelkonforme Guide noch mit ein paar Leuten zu einem einsameren Strand, bei dem wir doch noch ohne schlechtes Gewissen voll auf unsere Kosten kommen. Die Flussläufe im Norden, die sogenannten Wadis, die teilweise über Millionen von Jahren lange Schluchten in die Landschaft geformt haben, sind einzigartig schön. Die Topsehenswürdigkeit ist Wadi Shab und das zurecht. Nach einer Minibootsfahrt geht es eine knappe Stunde zu Fuß bis zum oberen Teil der Schlucht. Ab jetzt heißt es für weitere Zwanzig Minuten Schwimmen bis einem eine traumhafte Höhle mit kristallklarem Wasser und einem innenliegenden Wasserfall erwartet. Jeder der die Höhle verlässt hat ein dicken Grinsen im Gesicht, weil er von der Schönheit völlig geflasht ist. Aber auch der etwas abseits gelegene Wadi Bani Khalid muss sich in dieser Kategorie nicht verstecken. Wenn auch völlig anders, ist dieses Wadi nicht weniger schön und wird hauptsächlich von Einheimischen und Zugezogenen besucht. Die herausragenste Stadt, die wir im Oman gleich zweimal aufsuchen ist Sur mit einer alten Bootsbautradition, der netten Lage am Meer und den angrenzenden Dörfchen definitiv unser urbanes Highlight.

Unter Normalnull

Unsere Zeit unterwegs auf den Straßen Omans kommen zu einem Ende und wir verbringen noch einige Tage tauchend um die Daymaniyat Inseln. Auch diese Zeit hat wie der komplette Aufenthalt im Land seine Höhen und Tiefen. Denn nicht immer können wir das angekündigte „unberührte und unentdeckte Unterwasserparadies“ erkennen. Doch mit dem letzten Tag am Tauchplatz „Garten Eden“ werden wir mit einer Bilderbuchunterwasserkulisse und einem vorbeischwimmenden Walhai mehr als belohnt. Am Tag unseres Abfluges gönnen wir uns noch mal einen kleinen Leihwagen und fahren ein weiteres Mal durch das Highway Labyrinth von Muskat. Nur alleine für das hübsche Mutrah mit dem großen Souq und der Strandpromenade, dem alten Muskat und der großen Moschee verfahren wir 150 Kilometer und wir dürften zu 90 Prozent den kürzest möglichen Weg genommen haben …

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