Island Wintertour Teil 1 Golden Circle und der Süden

Wie soll eine Wintertour durch Island ohne Winter funktionieren? Schon Tage vor dem Abflug checken wir immer wieder den Wetterbericht, als würde von ein bisschen Schnee der ganze Urlaub abhängen. 7 Grad Regen; 8 Grad Regen; 4 Grad Schauer, Aussicht für die nächsten Tage, viel Regen gemischt mit weniger Regen. In unseren Gedanken malten wir uns gefrorene Wasserfälle mit weißen Bergen im Hintergrund aus. Momentan sah es nach etwas aus, was nicht genau wusste, ob es Winter war oder Frühling werden wollte.

Jahrhundertschnee in Reykjavik 

Für unsere Individualreise durch Island haben wir aufgrund der Jahreszeit und der üblichen Straßenverhältnisse in dieser Saison einen Roadtrip über die Ringstraße mit ein paar kleineren Abstechern geplant. Einmal rundherum: Reykjavik – Geysir – Skogar – Kirkjubaerklaustur – Reiðarfjörður – Myvatn – Varmahlid – Olafsvik – Borganes und wieder zurück nach Reykjavik in 14 Tagen. Etwas ambitioniert, aber machbar.
Bei unserem Anflug auf Keflavik kündigt der Pilot mit einem ironischen Unterton „leichte Schneefälle“ an. Wer konnte ahnen, dass Reykjavik am Tag unserer Landung fast im Schnee versinkt? Schneerekordjahr für die Hauptstadt seit 1937. Das nennen wir Timing. Der Schnee türmt sich über einen halben Meter und begräbt die Autos fast unter sich. Unser Geländewagen wühlt sich durch die Straßen. Mit ein wenig Glück erhaschen wir überhaupt noch einen Parkplatz vor unserer ersten Unterkunft. AIRBnB ist unsere Wahl. Die Gastgeberin hatte uns vorab per Mail informiert, dass die Wohnung nicht abgeschlossen und unser Zimmer rechts von der Toilette sei. Willkommen in Nordeuropa. Und dann stehen wir plötzlich in einer fremden Wohnung – alleine. Auch das war angekündigt. Für diese Mentalität muss man wahrscheinlich geboren sein oder aber die Einnahmen daraus nötig haben und im Gegenzug ein Stück der eigenen Privatssphäre aufgeben. Ein paar Zettel im Bad, im Zimmer, in der Küche und am Kühlschrank weisen auf Verhaltensregeln hin, die sich in Kürze auf „verlasse alles so, wie du es vorfinden möchtest“ zusammenfassen lassen. Für die Gäste liegt ein Zimmerschlüssel auf dem Tisch. Ja, wir sind eben nicht im hohen Norden aufgewachsen. Wir kennen das anders. Wir schließen die Tür 2mal ab und starten einen Stadtbummel.

In Reykjavik bleibt uns nur der Abend. Wir stampfen durch den Schnee und schlittern über zentimeterdickes Eis im Zentrum der Stadt. In Island ist mit uns der Winter angekommen. Rekjavik ist ganz nett, aber auch keine Schönheit und schon lange keine cosmopolitische Metropole. Es ist eine beschauliche Hauptstadt, in der etwas mehr als 1/3 der insgesamt 330.000 Isländer wohnen.

 

Roadtrip Ringstraße – einmal um Island rum

Auch der Aufbruch aus der Stadt am nächsten Morgen gestaltet sich schwieriger als erwartet. Zum einen verursachen heftige Schneewehen einen dicken Stau am nördlichen „Fluchtweg“ der Hauptstadt, zum anderen fehlen jegliche Beschilderungen für die Ringstraße Richtung Süden. Drei Stunden inklusiv Supermarktsuche dauert es, bis wir Reykjavik endlich hinter uns lassen und endgültig in die Natur des Landes abtauchen. Uns beiden verschlägt es die Sprache bei der endlosen weiß gezuckerten Weite, die sich vor uns ausbreitet. Unsere erste Zwischenstation ist auch gleich einer der Hot Spots von Island und das nicht nur im metaphorischem Sinn.

Unsere Wintertour auf der Ringstraße um Island beginnt fast klassisch am Golden Circle. Wie es scheint, ist es nicht nur ein Rekordjahr für den Schnee, sondern auch für den Wintertourismus. Island kletterte in unserer Wunschdestinationsliste nach oben, als im Sommer der Vikingerschlachtruf bei der EM in Frankreich um die Welt ging. Eine Fankurve vereint in einer Choreographie aus Klatschen und dem einsilbigem Ruf, das Feiern des Siegtores von Kolbeinn Sigthorsson. Jeder, der ehrlich zu sich selber ist, war in dieser Zeit Islandfan. Als wir das Visitor-Center von Geysir erreichen wird uns mit aller Härte bewusst, dass es anscheinend nicht nur uns so erging. Februar/März galt lange Zeit als absolute Nebensaison. Doch dieser Parkplatz springt aus allen Nähten. Überall stehen Highlandtrucks, die ohne weiteres bei einer Marsexpedition eingesetzt werden könnten, Reisebusse und Allradfahrzeuge herum. Hunderte von Touristen strömen in und aus dem Besucherzentrum.  Alles ist vollgestopft mit Souvenirs. Beim Anblick der Zielgruppe wird uns klar das die unfreiwillige Werbenummer bei der EM wohl auch Asien erreicht haben musste, sogar „Hello Kitty“ Plüschtiere mit „I <3 Iceland“ stehen bereit.
Besonders gilt diese Betriebsamkeit für den Golden Circle, der nahe zum Großraum Reykjavik liegt und vor allem Touristen anlockt, die nur 3 bis 4 Tage Zeit mitbringen. Geysirfeld, Gullfoss und Thingvellir sind die Hauptanziehungspunkte für einen aufregenden Instagrampost. Ein wenig skeptisch betrachten wir die Busladungen, die wie ein Überfallkommando die Attraktion einnehmen und konsumieren, als gäbe es keine Menschen neben ihnen. Die Zeitnot machts nötig. Wer seine Selfiereihe durchknipsen will, muss sich beeilen. In einer knappen Stunde geht es jeweils weiter.

 

Haukadalur – Am Abend geht´s auch einsam

Zum Glück buchen wir eine Unterkunft am Geysirfeld und können so die späteren Abendstunden und die frühen Morgenstunden fast für uns alleine nutzen. Strokkur der kleine und hyperaktive Bruder vom benachbarten, großen Geysir, im Übrigen der Namensgeber der sprudelnden Heißquellen, schießt seine Wasserfontäne alle paar Minuten gen Himmel. Angekündigt wird dies durch ein mehr oder weniger hektisches Wabern, dem dann zur Stoßzeit ein von raunenden Touristen begleiteter Ausbruch folgt, bevor das Schauspiel von vorne beginnt. Würde nicht ein eisiger Wind pfeifen, wir könnten dem Schauspiel einen Tag lang zuschauen. Wir unterbrechen die Show und wärmen uns auf der Fahrt zum 10 Kilometer entfernten Gullfoss im Auto auf. Beim Aussteigen weht uns diesmal nicht nur ein kalter, sondern ein kalter und von der Wasserfallgischt nasser Wind entgegen. Bei Temperaturen leicht unter Null sinkt die gefühlte Temperatur auf ca. -20 Grad. Das Gesicht brennt vom Wind und den peitschenden kleinen Eiskristallen. Dennoch stellen wir uns unerschrocken gegen den Wind und schießen ein paar Fotos. Vom Genuss der Ansicht können wir allerdings gerade nicht sprechen. Island ist rau. Dafür sind wir hier.

Island nicht für ganz enge Geldbeutel

Island ist nicht nur ein raues sondern auch ein ziemlich teures Pflaster und nicht gerade für ausschweifende Abendessen geeignet. Nach der Bankenkrise hat die Wirtschaft sich scheinbar schnell erholt und die isländische Krone ordentlich an Fahrt aufgenommen. Ein gutes 2 Gang Menü ist für unter 60 – 70 Euro fast nicht zu haben. Dafür gibt es eine Pizza Margherita schon ab 26 Euro. Auch im kleinen Supermarkt in Reykjavik erstarren wir kurz, als der Kassierer ernsthaft für zwei Sandwiches, etwas zu trinken, ein wenig Käse und Brot 35 Euro verlangt. In den normalen Supermärkten wird es später besser. Aber auch hier stellen wir fest, dass das Preisniveau gut eineinhalb mal so hoch ist wie in Deutschland.

Hier im Hotel ist das Frühstück heute inklusive und wir haben eine Strategie entwickelt. Nicht zu früh zum Frühstück, erst noch was Hunger aufkommen lassen und dann reinhauen, als ob es kein Morgen mehr geben würde. Dies verschafft uns zumindest eine essensfreie Zeit bis 16.00 Uhr. „Strategie Polarsparfuchs“.

Weiter geht es danach auf der Ringstraße über den Seljalandfoss zum Skogafoss. Diesmal übernachten wir bei Sigríður Pétursdóttir im Gasthaus. Eigentlich hat die gute Dame sich das Haus einmal als Sommerhaus zum Entspannen in aller Ruhe und Abgeschiedenheit zugelegt. Als jedoch die Touristenströme die letzten Jahre zunahmen, hat sie ihren Altersruhesitz in eine Geschäftsidee verwandelt und untervermietet kurzer Hand die Zimmer des Hauses an die unterkunftshungrigen Touristen. Glauben tut sie das bis heute selbst nicht. Ein zugegeben hübscher Wasserfall vor der Haustür sorgt mittlerweile dafür, dass es hier manchmal zum Stau kommt. Auch im Winter. Heute tummeln sich in ihrer urigen Küche die unterschiedlichsten Nationen, bereiten ihre Gerichte zu und stellen sich zum Frühstück die selbe Frage: „Hast du das Licht gesehen?“. Die Rede ist natürlich vom Nordlicht. Eine der Attraktionen warum ebenfalls viele Besucher Island im Winter bereisen. Wir haben es gestern abend mal wieder verpasst und schauen ein wenig neidisch auf ein paar Handyfotos.

Sigríður ist mittendrin, wenn die Geschichten vom Licht und Reisen ausgepackt werden und genießt sichtlich den Trubel.

Wir haben das Licht gesehen!

Die Südküste Islands hält einige Highlights bereit und die Touristenströme reißen bis zur Gletscherlagune am Jökulsarlon, knapp 400 Kilometer östlich von Reykjavik nicht ab. Erst danach Richtung Ostfjorde sinkt die Frequentierung spürbar. Auf der Fahrt machen wir Halt am schwarzen Strand von Vik mit den wellenumtosten Felsformationen. Besuchen den Skaftafell Nationalpark, mit dem bekannten Svartifoss, der sich aus einer Ansammlung von Basaltsäulen ergießt, natürlich den Jökulsarlon und den vorgelagerten schwarzen Strand, an dem die Eisbrocken des kalbenden Gletschers wieder angespült werden und langsam auf Diamantengröße zusammenschrumpfen. Das fast unaussprechliche Kirkjubæjarklaustur war dabei unsere Basisstation und hielt für den Abend noch eine besondere Überraschung bereit. Zwei Zufälle kamen hier nämlich zusammen. Zum einen ein wolkenfreier Himmel, nicht unbedingt selbstverständlich für Island, zum anderen eine Aurora Borealis Vorhersage der Stufe 6. Und so kam es, dass fast pünktlich um 20.00 Uhr diesmal auch für uns die Nordlichter eingeschaltet wurden und 1 ½ Stunden Dauerfeuer gaben. Der ganze Himmel tanzte in Grüntönen, mal Wellenförmig, mal in fallenden Strahlen, mal in statischem Glanz. In dieser Stärke haben wir das Spektakel bisher noch nicht erleben können. Die Akkus der Kamera mussten für einige Belichtungsreihen herhalten. Jetzt gehören auch wir dazu, haben das Licht gesehen und nehmen die Geschichte ins Repertoire der bisherigen Islanderlebnisse auf, um die anderen Reisenden anzufixen.

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Nicht vergessen!

Ihr wollt noch mehr Impressionen von Island im Winter sehen? Besucht unsere Flickr Gallerie mit den besten Bildern. Wenn ihr noch Tipps zum Thema „Winterreise in Island“ braucht, schaut kurz in unserer Rubrik Route vorbei. Und wenn ihr Euch noch mit Literatur versorgen wollt, können wir euch folgende Reiseführer empfehlen. Ein bisschen Gefühl für das Land, erhaltet ihr übrigens auch beim Lesen eines isländischen Romans. Habt ihr Fragen oder Ergänzungen – unsere Kommentarleiste wartet auf euch.

               

 

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