Island Wintertour Teil 2 Ostfjorde und Myvatn

Es wird einsamer

In Höfn an der Südostspitze Islands merken wir plötzlich deutlich den abnehmenden Autoverkehr. Wieder ist ein herrlicher Tag. Die Sonne strahlt bei frostigen Temperaturen vom Himmel. Noch immer sind die Berge weiß. Noch immer hält der Winter an, obwohl die weiße Bedeckung gen Osten merklich abgenommen hat und wir schon befürchten, das Thema Winter könnte sich mehr oder weniger bald erledigt haben. Wir sind auf dem Weg nach Reiðarfjörður, einer kleinen Stadt in den Ostfjorden und stellen bei Ankunft schnell fest, mit den Ostfjorden erreichen wir auch die Einsamkeit. Trotz atemberaubender Natur fehlen hier die berühmten Besuchermagnete und so erreichen überwiegend nur Individualtouristen diesen Teil des Landes. Und als ob das Wetter unsere Sorge erhört hätte, schickt es wieder Schneeflocken vom Himmel und bessert das verblassende Winterlandschaftsgemälde nach. Wir bleiben 2 Tage hier vor Ort, in der abgeschiedenen Gegend direkt am Fjord. Diesmal wählen wir wieder eine AirBNB Unterkunft mit Familienanschluss. 2 Hunde, eine Katze, 2 Kinder und ein entspanntes Ehepaar, das uns im Haus schalten und walten lässt, als würden wir seit Jahren zur Familie gehören. Die Türen sind Tag und Nacht unverschlossen und das eine oder andere Mal stehen plötzlich Nachbarn mitten in der Küche.

Badespaß mit Schneeflocken

Im benachbarten Ort gibt es eines der für Island typischen Thermalschwimmbäder. Es muss ja nicht immer gleich die blaue Lagune sein, bei der man bereits im Voraus buchen muss, sich das Badevergnmügen mit hunderten anderen Gästen gleichzeitig teilt und dafür knapp 50 Euro bezahlt. Entspannen im warmen Becken wird unsere Beschäftigung für den Sonntagvormittag. Die Schneeflocken fallen noch immer vom Himmel, während wir in einem kleinen Außenpool bei 42 Grad Wassertemperatur langsam vor uns hin köcheln und beobachten, wie die Flocken auf der Wasseroberfläche schmelzen.

Ringstraße heißt Autotourismus Deluxe

Auf der Ringstraße entlang zu fahren, ist im Prinzip schon landschaftlicher Reiz genug, ohne dass man aussteigen müsste. Hinter jeder Kurve offenbart sich eine neue Ansicht, die es mir als Fahrer schwer macht, mich auf den Straßenverlauf zu konzentrieren. Wer aber die geballte Ladung Island abbekommen möchte, sollte seinen Faradayischen Käfig auch mal verlassen, denn die nächste Gischtwole bei Minusgraden und Wind ist wieder im Anflug. Nur so spürt man die Rauigkeit der Insel, die den Charakter erst ausmacht.

Die Fahrt führt uns Richtung Myvatn See, der Hauptattraktion im Norden Islands. Wir fragen uns, ob auch der Dettifoss, Europas mächtigster unter den Wasserfällen im Winter erreichbar ist. Vorab hatten wir widersprüchliche Aussagen gelesen. Wir haben Glück. Die Straße ist frei und führt mit einem kleinen Umweg direkt zu den tosenden Fluten. Mitten in der komplett weißen Landschaft stürzen pro Sekunde tausende Liter Wasser über die Felsstufe. Zwar kleiner aber noch hübscher ist der gut einen Kilometer entfernte Selfoss.

 

Am Ausgang zum Parkplatz ist ein kleiner Tisch aufgebaut. Ein Deutscher, der vor zwei Wochen nach Island ausgewandert ist, steht dort und verkauft fast heißen Tee und Kaffee und versucht die Kasse aufzubessern, bis er zu einem richtigen Job gefunden hat. Witzige Idee und noch witziger ist, dass er mal in unserer Heimatstadt gelebt hat. Manchmal ist die Welt klein.

 

Milliarden Besucher am Myvatn See 

Myvatn ist für die nächsten zwei Tage unsere Basisstation. Im Sommer erhält die Gegend Milliarden Besucher. Ausnahmsweise keine Touristen sondern Mücken. Zuckmücken, zum Glück nicht mit einem Stachel ausgestattet, aber unter bestimmten Bedingungen trotzdem nervig. Sicherlich auch ein Grund für die unzähligen Vögel in diesem Bereich. Im Winter allerdings sieht die Sache anders aus. Keine Mücken, kaum Vögel, kaum Touristen. Besonders das Labyrinth von Dimmur Borgir mit phantasievollen Lavaformationen hat es uns angetan. Wären die Wanderwege nicht markiert, es bestünde eine gute Chance sich hier zu verlaufen. Wahrscheinlich haben sich Trolle, Elfen und Zwerge einst genau diesen Ort deshalb ausgesucht und nicht damit gerechnet, dass irgendwann Wege für die Besucher angelegt werden. Über die Hälfte der Isländer so sagt man, schließt die Existenz der sagenhaften Gestalten nicht aus. Über die Hälfte der Isländer haben wahrscheinlich auch schon Dimmur Borgir besucht.

             

Ein wenig vom See entfernt raucht und qualmt es aus der Erde. Am Solfatarenfeld Námaskarð liegt je nach Windstärke ein mehr oder weniger dezenter Geruch von Schwefel in der Luft. Überhaupt ist die Gegend am Myvatn geothermisch gesehen ziemlich aktiv und wird vom Krafla Vulkansystem befeuert. So akiv, dass man die Kraft der Erde mittels geothermalem Kraftwerk nutzt.

            
Im Hintergrund oder Vordergrund, je nachdem wie wir es perspektivisch einordnen, thront der Hverkfall Vulkankrater. Er kann auf zwei markierten Wegen bestiegen werden und eröffnet einen Weitblick in das ganze Gebiet.

Wir tauschen viele PS gegen ein Pony

Auf unserer Weiterfahrt Richtung Westen nach Varmahlíð kommen wir in eine Region, die noch mehr als der restliche Teil der Insel von Islandpferden dominiert wird. Definitiv tölten hier mehr Pferde über die Ebene als Einwohner zu sehen sind. Tölt, die vierte Gangart der Pferde hier, ist eine der Spezialitäten der Islandponys. Grund genug die eigenen Reitfähigkeiten hier noch einmal auf die Probe zu stellen. Erwähnte ich bereits, dass Island teuer ist? Wenn man bedenkt, dass eine Stunde Fortbewegung auf einem PS fast teurer sind, als ein 200 PS 4 radangetriebenes Gefährt pro Tag, will eine solche Investition wohl überlegt sein. Heute stimmt alles. Wir sind südlich von Varmahlíð in einem langgezogenen Gletschertal. Es ist mal wieder Topwetter, kalt, klar und sonnig. Unser Reitguide, kommt, ich erwähnte bereits zuvor, die Welt ist klein, aus der 6 Kilometer entfernten Nachbarstadt von Remscheid, Wermelskirchen. Marie ist ein knappes Jahr hier auf Island und arbeitete auf diversen Reithöfen. Leider, so sagt sie selbst, geht die beste Zeit ihres jungen Lebens bald vorüber, denn sie will studieren. Wenn es nach ihrem Wunsch ginge, könne sie noch viel länger hier bleiben, meint sie beiläufig. Ich überlege kurz, was sie denn wirklich davon abhält, wenn es denn die beste Zeit ihres jungen Lebens ist. Aber das ist ein anderes Thema.

Wir sind beide in der Jugend geritten und so in der Lage ein Pferd zumindest rudimentär zu steuern. Das merkt auch Marie und so tölten wir nach kurzer Zeit schon los. Eine Islanderkundung auf dem Pferderücken hätte sicherlich auch seinen Reiz Nur sollte man das gewohnt sein. Nach einer Stunde Ausritt gehen wir bereits wie John Wayne zum Auto zurück und merken jeden Schritt.

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Nicht vergessen!

Ihr wollt noch mehr Impressionen von Island im Winter sehen? Besucht unsere Flickr Gallerie mit den besten Bildern. Wenn ihr noch Tipps zum Thema „Winterreise in Island“ braucht, schaut kurz in unserer Rubrik Route vorbei. Und wenn ihr Euch noch mit Literatur versorgen wollt, können wir euch folgende Reiseführer empfehlen. Ein bisschen Gefühl für das Land, erhaltet ihr übrigens auch beim Lesen eines isländischen Romans. Habt ihr Fragen oder Ergänzungen – unsere Kommentarleiste wartet auf euch.

               

 

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