It´s just me, myself and I – Ultratrail du Barlatay

Meine drei Persönlichkeiten sind wieder zu einer Einheit zusammengeschrumpft und ich sitze erschlagen auf der Holzbank, schaufel die zugegeben beste Pasta im Rahmen einer Laufveranstaltung in mich hinein. Es riecht nach Käse und Schweiß. Die würzige Käsenote in der Luft hat definitv nichts mit mir zu tun, der Schweiß allerdings schon. 350 Starter haben den Weg für verschiedene Lauflängen nach L´Etivaz gefunden. Das 100fache des Starterfeldes wird hier an Käserädern unweit vom Zielbogen gelagert, für die die Region berühmt ist und was damit die Erklärung für die Duftnote in der Luft liefert.

Business as usual

Meistens sind diese Ultraläufe mental betrachtet ziemlich berechenbar. Erst fange ich unbefangen an zu laufen, lege mir ein paar motivierende Gedanken bereit, dann irgendwo so im Bereich 50 Kilometer, meldet der Körper Erschöpfung und die zuständige Gehirnpartie bombardiert mich mit ultratraildubarlatay-3verlockenden Angeboten aufzuhören, mit Fragen, warum ich das tue und mit Gründen, warum genau jetzt zu stoppen gar nicht so schlimm sei, was man jetzt alles viel Schöneres machen können – der Fantasie sind absolut keine Grenzen gesetzt. Das ist der Zeitpunkt, wo die mentale Seite, also diese andere Gehirnregion einschreiten muss. Die erste Hälfte eines Ultras wird mit den Beinen gelaufen, die zweite Hälfte mit dem Kopf. Diesmal kommt es etwas anders.

In die Dunkelheit

Knapp 90 der 350 Starter machten sich 20 1/2 vorher auf den 87 Kilometer langen und mit süßen 5.400 Höhenmetern angereicherten Ultratrail du Barlatay.

ultratraildubarlatay-421.00 Uhr. Es ist bereits sehr dämmrig und die Lichter der Stirnlampen erhellen den Startbogen. Im Kopf drücken die vor mir liegenden Kilometer auf mein Gemüt. „87 Kilometer, 87 Kilometer, 87 Kilometer, von hier bis nach Köln und wieder zurück und dazwischen noch eine Menge Berge. Ist das schaffbar? Darf ich dich erinnern, du stehst freiwillig hier. Lauf einfach nicht 87 Kilometer. Laufe 87 mal einen Kilometer. Und wenn du gleich mal losläufst, dann sind es schnell nur noch 86 mal ein Kilometer“. In meinem Kopf geht es zu, wie am Stammtisch.

Die Motivation steht trotzdem. Der Startschuss ertönt. Durch das kleine Dorf bewegt sich das überschaubare Starterfeld in Richtung Wald, in Richtung Berg, in Richtung erster Verpflegungsstation nach Les Diablerets, die allerdings noch 25 Kilometer weit entfernt liegt. Ziemlich schnell geht der Weg auf steile Single Trails und windet sich zum Gipfel des Fenetre d´Arnon auf knapp 1.900 Meter. Die Passagen sind rutschig und schlammig vom Regen der letzten Wochen. Im weiteren Verlauf gilt es immer wieder ein paar drahtseilversicherte Stellen zu passieren und direkt zu Beginn bin ich unkonzentriert. An einem kleinen, steilen Abschnitt setze ich mein Bein beim Rückwärtsabstieg irgendwie komisch auf, verhalte mich, bleibe hängen und ziehe mir einen tierischen Wadenkrampf zu. Ich versuche sofort den Krampf rauszudehnen, massiere den Unterschenkel – aber so richtig will er nicht verschwinden. Mit einem kleinen, harten „Tischtennisball“ in der rechten Wade humpel ich weiter, halte wieder, dehne, massiere. Meine Schuhe sind bereits durchnässt und ich habe ein eigenartiges Gefühl im Schuh, was ich noch nicht so recht deuten kann. Es geht weiter auf und ab mit kurzen Dehnphasen und Überlegungen, was da in meinem Schuh los ist. In Les Diablerets am Checkpunkt 1 mache ich erst mal eine kurze Pause und widme mich weiter meiner Wade. Beim Schuhcheck stelle ich fest, dass mein Socken eigenartig halb eingerissen ist und ich praktisch barfuß im Schuh laufe. ultratraildubarlatay-2Bisher lassen sich allerdings noch keine Blasen am Fuß feststellen. Allerdings befürchte ich, dass die Nässe auf der Haut diesem Thema nicht unbedingt zuträglich ist. Dummerweise liegt mein Dropback mit Ersatzsocken 20 Kilometer weiter in La Marneche. Und wie das bei einem Lauf durch die Berge so ist, ist der Weg zum Socken auch noch mit 1.800 Meter im Aufstieg gespickt.
Die Nacht und Dunkelheit kotzen mich gerade einfach richtig an. Ich habe einen Krampf in der Wade, mir ist übel, mit der nicht ganz zu vernachlässigen Nahrungsaufnahme will es daher auch nicht so klappen wie sonst, mein Socken ist gerissen, ich bin am mentalen Tiefpunkt angelangt. Ungefähr 25 Kilometer eher als sonst. Verrückterweise ist aber die mentale Gesamtsituation heute anders. Mein Körper fühlt sich bis auf die Wade ganz gut an und so übernimmt die Körpergehirnseite nun das Kommando und pushed die mentale Gehirnseite. Verkehrte Welt. Aber funktioniert. In meinem Kopf entsteht ein munterer Dialog mit drei Beteiligten. Körperseite, restmotivierte Mentalseite, demotivierte Mentalseite. Ich nutze die Chance während meine multiplen Persönlichkeiten diskutieren, schalte derweil die Stirnlampe wieder ein und nehme den Gipfel des La Pare auf über 2.500 Metern in Angriff.

Operation Socke beginnt

Zwischen mich und La Pare hat die kontinentale Aufwerfung allerdings noch weitere Gipfel gelegt. Und so steigern diese sich crescendoartig bis zum letzten verflucht steilen, grasbewachsenen La Pare. Mittlerweile leuchten die Wiesen goldgrün im ersten Licht. Sonnenaufgang in den Bergen nach einer durchlaufenen Nacht ist magisch. Ein mentaler Meilenstein, besonders mit der Sicht auf eine Kette von 4000ern am Horizont. Nach ein paar weiteren Metern ist der Gipfel erreicht und ein Kontrollposten notiert die Nummer und kontrolliert vor allem, ob die Läufer auch die Bergspitze erklimmen und nicht „zufällig“ die Abkürzung am Fuße des Bergs einschlagen, bevor es in einem rasanten Downhill zum ersehnten 2 Verpflegungs- und Sockenwechselposten runter geht. Keine Blasen am Fuß, schnell in trockene Socken und neue Schuhe, Nahrungsaufnahme geht auch wieder, weiter geht es. Im nächsten Abschnitt stecken nur 800 Höhenmeter. Und ich fange an, bei jedem kleinen Hügel großzügig die Höhenmeter zu subtrahieren. Als ich bei ungefähr Null angekommen bin, stehe ich vor einer Wand von 600 Metern. Und tatsächlich ist der Pic Chaussy noch zu überwinden, ultratraildubarlatay-1bevor es auf einem endlosen Downhill Richtung Verpflegungsstation 3 bei des Mosses geht. Die Höhenmeter entfachen wieder eine muntere Diskussion in meinem Kopf. Mittlerweile fängt es auch an zu regnen. Das Handy bimmelt und meine Frau teilt mir zu meiner Überraschung mit, dass sie am nächsten VP wartet, weil sie aufgrund des Wetters auch keine Tour gehen wollte und mehr oder weniger zufällig an Des Mosses vorbeikam und die Fahnen sah. Gut zwei Stunden später bei der Abbiegung kurz vor der Tür sehe ich sie dann. Ein paar Fotos und dann bin ich erst mal froh zu sitzen. Diesmal mit „Support Team“, was mir die Suppe, Getränke und Essen holt. Daran könnte ich mich gewöhnen. Woran ich mich nicht gewöhnen kann, ist strömender Regen. Ich merke die knapp über 60 Kilometer gut in den Beinen und etwas in mir zieht so seine Schlußfolgerung.

Widerstand gegen die Verlockungen

Meine Frau ist mit dem Auto hier. Ich frage ganz nebenbei, wo das Auto genau steht. 60 Kilometer, Regen und ein Auto vor der Tür sind nicht die besten Motivatoren. Denkt übrigens auch der Typ neben mir und gibt seine Startnummer ab. Meine Frau lügt mich an, wie sich hinterher heraustellt und erzählt, das Auto würde einiges von hier weg stehen. Bevor wieder der Stammtisch diskutiert wie weit genau das Auto wegsteht, ziehe ich meine Regenjacke an und mache mich auf restlichen 25 Kilometer. Es begleitet mich zwar noch die Stimme in mir, welche diese Autoidee für ziemlich gut hält, aber die soll jetzt einfach mal die Klappe halten. Die letzten 1.300 Höhenmeter verteilen sich über zahlreiche steile Hügel. Ein ausgewachsener Berg ist nicht mehr dabei. Die Landschaft und restliche Strecke ist eher unspektakulär. An der letzten Verpflegungsstation La Rechargere sind die Leute ziemlich bemüht, bieten mir ihren verdammt gemütlichen Campingstuhl an und reichen mir alles vom Verpflegungsposten an. Ich genieße 10 Minuten Pause. Fehlt eigentlich nur noch, dass ich gefüttert werde.

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen                             (Helmut Schmidt)

Von hier aus noch 10 Kilometer, dann ist es endlich geschafft. Langsam wird aus den drei Persönlichkeiten wieder eine einzige, mit einer eindeutigen Vision: Dem Ziel.

Sina passt mich drei Kilometer vorher an einer Schlammpassage ab und will die letzten Kilometer zur Motivation mitlaufen. Irgendwie checke ich den guten Willen hinter der Sache aber nicht ganz, freue ultratraildubarlataymich zwar sie zu sehen, habe aber nur noch das Ende im Kopf und gebe noch mal Gas sodass sie eigentlich kaum mithalten kann. Eine durchlaufene Nacht und die Kilometergesamtanzahl machen ohnehin ein bischen blöd. Das obligatorische Zielfoto entfällt, da ich eher da bin als Sina. (Es tut mir wirklich leid). Erschöpft laufe ich durch den Zielbogen direkt in die Käsegeruchswolke ein und setze mich auf die Bank.

Die Stimmen im Kopf haben sich gänzlich verabschiedet. Ich bin froh, dass es sich lediglich um eine Ultralaufschizophrenie handelte. Jetzt sind wir uns wieder alle einig: Ich brauche Pasta und eine Idee welcher Lauf als nächstes ansteht.

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