Venedig – Einmal sehen und sterben

Zugegeben. Venedig ist ein hübscher Ort. Aber gleich sterben? Würden sich dies alle Besucher zu Herzen nehmen, würde die Weltbevölkerung substantiell schrumpfen. Mit seinem italienisch morbiden Charme, der seines gleichen auf der Welt sucht, lockt die Lagunenstadt offiziellen Zahlen zufolge gut 25 Millionen Touristen pro Jahr an. Die finden aus aller Herren Länder den Weg, meist als Tages- oder Stundentouristen, in das italienische Disneyland. venedig-text-6

Ein Großteil davon sind Kreuzfahrer, die im Rahmen ihres Mittelmeercruisings angeführt von einem Schirm- oder Fähnchen tragenden Herdenführer mal eben kurz die Stadt konsumieren. Wenig Zeit schafft wenig Freiraum für eigene Erkundungen und eigentlich reicht ein Selfie vor der Seufzerbrücke ja auch schon, um mit dem Beweis nach Hause zu fahren: Ich war hier.

Venedig ist voll.

Voll mit Touristen und wir zählen natürlich dazu. Du stehst nicht im Stau du bist der Stau. Und dieser Eindruck drängt sich in der Nebensaison auf. Ich möchte gar nicht wissen, was hier in den Sommermonaten los ist.

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Mein Beileid gilt den Leuten, die hier versuchen, zu wohnen und für die Ihre Stadt nicht ein romantisch verklärtes Tagesausflugsziel, sondern daily business ist. Die Menschen haben keine Chance sich den ganzen Tag hinter ihrer venezianischen Maske zu verstecken und ich finde es nur allzu menschlich, dass nicht jeder die Touristenhorden ganz toll findet. Manchmal laufen Dinge irgendwann, irgendwie aus dem Ruder.

Gondola, Gondola, Gondola ?!?!?

Apropos Ruder.  Wer es gerne richtig teuer und kitschig mag, lässt sich in einer der Gondeln ein halbes Stündchen durch die Kanäle schippern. Ich weiß nicht, ob jedem Kreuzfahrer diese Zeit vergönnt ist, fast jedem Asiaten in Venedig aber scheinbar schon. 80 Euro kostet der Spaß. Aber ihr dürft auch mit bis zu 6 Personen fahren. Abends kommt dann noch ein kleiner Nachtzuschlag von 20 Euro auf die Fahrt. Dafür bekommt man aber noch einen richtigen italienischen Gondolero, der einen gekonnt in Reihe und Glied mit den anderen Gondeln durch die Kanäle steuert. Das ist Erlebnis pur und die Fahrt wird meist mit dem Smartphone oder der Actioncam wackelnd und schaukelnd in Echtzeit festgehalten.

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Aber Venedig hat offensichtlich auch die stillen Ecken, zumindest jetzt im Oktober. Als wir uns aus dem Dunstkreis der touristischen Hauptschlagader zwischen Seufzerbrücke, Markusplatz und Rialtobrücke herausbewegen, wird es schon fast unheimlich. Unheimlich leer. Da entdecken wir dann ein Stück Venedig, wo die kleinen und nicht minderhübschen Kanäle mit ihren schaukelnden Booten ganz unbeachtet von den Touristen idyllisch vor sich hinstinken. Kleine Restaurants, kleine Plätze, venedig-text-7kleine Geschäfte – wie viele der Menschen hier wirklich Einheimische sind, mag ich nicht zu beurteilen. Aber es fühlt sich zumindest gut an, Restaurants ohne Tourist-Menü in 4 Sprachen und Stadtviertel ohne Stände mit aus China importierten venezianischen Karnevalsmasken zu sehen. Es fühlt sich an, als ob man der Stadt ein wenig mehr zutrauen würde, als die Bestätigung der klassischen Bilder im Kopf.

In der Mitte des Irrgartens liegt eine Cappucino Bar

Auch beobachten wir hier einen zunehmenden Preisverfall, gemessen am Cappucino-Pizza Margharita-Warenkorb. Vom 9 Euro Cappucino im Nobelcafe am Markusplatz bis zum 2 Euro Capuccino an der typisch italienischen Cafebar, wo ihr eure aufgebrühten Bohnen im Stehen degustiert, ist alles drin. Aus Geizigkeit können wir leider nicht beurteilen ob die 7 Euro Preisunterschied auch ihre Berechtigung haben. Uns schmeckt der 2 Euro Cappucino italienisch genug.
venedig-text-9Venedig ist fußläufig irgendwie riesig. Es gibt unzählige kleine Gassen, Wege an den Kanälen entlang und Brücken darüber. Wir haben das Gefühl selbst nach einem Monat wäre keine treffsichere Navigation für uns möglich. Zwar haben wir eine Stadtkarte in der Hand, aber Venedig bietet sich wie fast keine andere Stadt an, einfach drauf los zu laufen und zu schauen, wo es einen hinführt. Verlaufen ist schwierig, wenn man ohnehin nicht weiß, wo man sich genau aufhält. Als grobe Orientierung dienen uns die immer mal wieder auftauchenden Wegweiser zur Rialtobrücke, zum Markusplatz und dem Piazzale Roma. Das reicht.

Vvenedig-text-4enedig ist auch ohne historischen Background ein Genuß. Architektur, Kanäle und Flair sind definitiv einzigartig. Die Kehrseite ist der ungebremste touristische Ausverkauf. Gibt es dafür eine kurzfristige Lösung? Scheinbar nein, außer selbst nicht hinzufahren. Das lässt sich natürlich einfach sagen, wenn man gerade da war. Hochrechnungen zur Folge soll im Jahr 2030 jeder Einheimische die Stadt verlassen haben, allein weil schon Immobilienpreise nicht mehr zu zahlen sind. Und klar, wer will noch in einer Kulisse leben, die sich hauptsächlich auf die Bedürfnisse der Besucher ausrichtet und ihre Bewohner in Anbetracht der devisenbringenden Touristen völlig ignoriert?
Ich habe keine Ahnung wie genau, aber Tourismus muß irgendwie  mal wieder schleunigst neu definiert werden, sonst kann ich diesen Text wahrscheinlich bald zutreffend mit Tod in Venedig einleiten.

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