News: Reisebusgruppe annektiert Wasserfall

Neulich ist es mir mal wieder aufgefallen. Ich hasse Reisebusgruppen. Klar, Hass ist ein hartes Wort, aber manchmal muss man sich auch eingestehen, dass das, was der Beschreibung eines Gefühls am nahesten kommt, eben ein hartes Wort ist.

Was soll die ganze Weichspülerei?

Dabei will ich wenigstens noch so fair sein, zu differenzieren. Ja, es gibt auch die Reisegruppen, die sich anständig, bedächtig, umsichtig verhalten. Aber das wird mittlerweile zur Ausnahme. Ich mag einfach den Individualtrip in ein Land nach meinen Regeln. Individuelles Reisen schreibt meine eigene Geschichte und nicht die eines anderen, der mir vorgibt, wann ich wo und wie zu sein habe.

Die meisten Reisegruppen sind Überfallkommandos mit einem militärischen, straffen Zeitplan und dem Habitus eines Kolonialherren, anstatt mit Gewehr und Peitsche sind sie heute mit Smartphone, GoPro, Systemkamera oder in Kombination aus all diesem, bewaffnet. Eingekleidet in die neueste Kollektion von Mammut, Jack Wolfskin, oder The Northface. Der moderne Busreisende steht heute bei der Wahl der Ausrüstung einer Mount Everest Expedition in nicht viel nach. Wüsste ich nicht, dass ein paar Meter dahinter der klimatisierte 5 Sterne Reisebus stünde, ich würde annehmen, einige der Möchtegernabenteurer hätten das raue Hinterland tagelang auf einsamen Wegen durchkämmt. An den stolpernden, orientierungslosen Schritten erkennt man auf den zweiten Blick dann aber doch den Unterschied.

Wenn eine Reisegruppe ankommt, dann geht in diesem Moment der Besitzanspruch des Ortes auf die Gruppe über. Schließlich ist man jetzt da. Man hat das gebucht, man hat das gezahlt, es ist ein Programmpunkt. Der Reiseführer hat es gesagt. Er hat gesagt, was man da machen muss. Wo es den besten Blick gibt, wo das coolste Foto zu schießen ist. Mit dem Zeit- und Erlebnisdruck im Nacken, gerät dann auch schnell die Rücksicht auf andere Reisende in den Hintergrund. Gerade noch haben wir verschiedene Einstellungen probiert und den besten Platz für eine Aufnahme gefunden, kommt die Umsetzung ins Stocken. Der erste Entdecker stürmt wie ein Einzelkämpfer, der eine Geisel befreien muss, über die Absperrung, um noch näher an den Wasserfall zu kommen. Über eine Absperrung zu klettern hat dabei übrigens nichts abenteuerhaftes. Klar, wer lässt sich schon gern durch Absperrungen aufhalten? An touristisch sehr belebten Orten, outet man sich allerdings hier weniger als Held denn als Vollidiot. Die Absperrung soll in der Regel eine sehr fragile Natur genau vor diesen Touristen schützen. Jeder der jetzt noch ein normales Foto machen möchte, muss jetzt Zeit mitbringen. Denn nun heißt es erst mal warten, bis die Gore-Tex Neonerscheinung und alle seine kreativen Nachfolger wieder aus dem Bildmittelpunkt verschwunden sind, nachdem sie ihr aufgesetztes Grinsen ins Selfie gequetscht haben.

Soll mich doch nicht stören, mag mir manch einer vorwerfen.

Schließlich kann jeder machen, was er will. Wir fotografieren doch auch. Aber so einfach sind Kausalketten in dieser Welt ja nicht. Denn ich bin Teil der Situation und diese Gruppen machen mit ihrer Hyperaktivitätsstörung den Moment kaputt. Sie degradieren den Ort zu einem konsumierbaren Artikel, nehmen den Zauber, die Ruhe, den Respekt. Für den kurzen Moment zählt nicht der Ort als Ort, sondern er verkommt zur Kulisse für die eigene Inszenierung. Ich habe Leute beobachtet, die werden erst zu Hause feststellen, was dort im Hintergrund eigentlich stattfand. Sie waren komplett im Selfie Mode vertieft, ohne Blick für die Welt. Es wird das immergleiche Selfiegrinsen, die immer gleiche Heldenpose eingenommen.

What´s wrong with you guys?

Und dann plötzlich – als hätte es ein unhörbares, unsichtbares Signal einer höheren Instanz gegeben – bewegt sich der Schwarm in eine Richtung. Die 15 Minuten Besuchszeit sind zu Ende. Die Abenteurer stolpern zurück zum Bus und erklimmen das vorgeschobene Basislager. Der Ort hat vorerst seine Ruhe zurück. Der nächste Überfall wird vorbereitet.

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